veranstaltung | 9. gesundheitswirtschaftskongress

Podium: "Die Bundestagswahl ist gelaufen: Was erwartet die Gesundheitswirtschaft?“ (eigenes Foto)
Podium: "Die Bundestagswahl ist gelaufen: Was erwartet die Gesundheitswirtschaft?“ (eigenes Foto)

„Sind doch diese internationalen Congresse gleich jenen Weltausstellungen schon längst wesentlich nur ungeheure wissenschaftliche Messen oder Jahrmärkte, und erhält doch der Besuch dieser Jahrmärkte durch ihr Zusammentreffen mit der Ausstellung zugleich ein bequemes Mäntelchen, einen gern willkommen geheissenen, einladenden Vorwand“ (Zitat von Eulenburg 1897 aus Congressplaudereien eines Skeptischen).

Der Gesundheitswirtschaftskongress 2013 war zwar eine nationale Wirtschaftsveranstaltung und über ein Jahrhundert später als das obige Zitat – doch Eulenburgs‘ historische Texte passen meiner Meinung nach trotzdem noch. Mit einer durchaus kritischen Einstellung gegenüber der zunehmenden Kongress-Maschinerie im Gesundheitswesen, machte ich mich nach einer Einladung spontan auf zum Hamburger Hotel „Grand Elysée, das als neuer Ausrichtungsort des Gesundheitswirtschaftskongresses diente. Allein der Klang des Wortes „Gesundheitswirtschaftskongresses“ macht schon etwas her – klingt wichtig und daher waren auch standesgemäße Gäste geladen. Es trafen sich die Entscheider im Gesundheitswesen – rund 800 von ihnen.

Es war zwei bzw. drei Tage nach der Bundestagswahl 2013. Die deutsche Gesundheitsszene spekulierte kräftig wer der/die nächste Gesundheitsminister/in sein würde. Im Gespräch waren selbstverständlich PolitikerInnen aus der Wahlsieger-Partei wie Frau Ursula von der Leyen (CDU). Andere KongressteilnehmerInnen tippten eher auf die SPD und es fielen Namen wie Wiesehügel (SPD), der bereits Erfahrungen im Bereich Arbeit und Soziales habe, oder Andrea Nahles (SPD), die bisherige SPD-Generalsekretärin – alles natürlich reine Spekulationen.

Passend zur aktuellen politischen Situation lautete der Titel einer Podiumsdiskussion: „Die Bundestagswahl ist gelaufen: Was erwartet die Gesundheitswirtschaft?“. Die Besetzung war hochkarätig: Auf der politischen Seite waren Senatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) und der Senator a.D. Dietrich Wersich (MdBH, CDU). Dr. Jens Christian Baas (Vorstandsvorsitzender der TK), Birgit Fischer (Staatsministerin a.D. und vfa-Chefin) und Irmgard Gürkan (Universitätsklinikum Heidelberg) bildeten den Gegenpol auf der Seite der Gesundheitswirtschaft. Die Moderation übernahm der Kongress-Gigant Ulf Fink. Das in dem kurzen Zeitraum der Neuwahl weder große politischen Trendwenden noch Reaktionen zu erwarten waren, war klar. Und so drehte sich die Diskussion der TeilnehmerInnen neben den aktuellen Geschehnissen um bereits bekannte „Klassiker“ wie: Was ist Qualität? Kann man Qualität messen? Wie definieren wir Qualität? Welche Rolle spielen Selektivverträge? Kann und sollte man den Versicherten bzw. Patienten steuern oder ist auch hier der Begriff bereits falsch?

Immer wieder kehrte die Diskussion zu dem Endlosthema „Qualität“ zurück. Etwas ungläubig schaute ich in meine Kongressmappe, in der ich unter anderem den Flyer für den „7. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit“ fand. Wenn wir immer noch nicht wissen, was Qualität überhaupt ist, was wird dann auf dem bereits siebten nationalen Qualitätskongress besprochen? Ein neuer Definitionsversuch? So brannte es mir nach dem Dialog der Podiumsinhaber unter den Nägeln, eine Frage zu der mehrfach angesprochenen Qualitätsdebatte an die Podiumsdiskussion zu stellen. Es hat sich in den letzten Jahren schließlich doch ein kleines bisschen getan auf dem Gebiet. Eine Lösung scheint allerdings weiterhin nicht in greifbarer Weite, wobei Konsens unter den Podiumsteilnehmern bestand, dass hier noch Handlungsbedarf hersche.

Nochmal zurück zum Anfangszitat: Nach Eulenburg gibt es insbesondere vier Haupttypen von Kongresslern. Die „Stars“, die „Kongressstreber“, die „Kongressbummler“ und die „Kongressparasiten“. Ohne den „Star“ geht es nicht oder das Ganze hat zumindest nicht den nötigen Rahmen. Die „Kongresstreber“ gehören zu den etwas jüngeren und weniger bekannten TeilnehmerInnen, die eher im „Schattendasein des Spezialistentums“ angehören und um Aufmerksamkeit buhlen. Die dritte Spezies sind die „harmlos naiven, von Neugierde und einem dunklen Drange des Dabeisein-Müssens getriebenen Kongressbummler.“ Diese bilden das Gegenstück der beiden zuvor genannten Typen. Die “Kongressparasiten“ stillen hingegen insbesondere ihre Begierde nach Speis und Trank.

Den durchschnittlichen Besucher des Gesundheitswirtschaftskongresses würde ich als Mitte-50er, überwiegend männlich, Anzug-Krawatten-Träger mit Design-Brille und als Führungskraft bzw. Entscheider im Gesundheitswesen typisieren. Es kam mir so vor, als ob jeder jeden kannte und man sich jedes Mal darüber freute, wie klein doch die Welt ist und man sich jedes Mal aufs Neue als „Kongress-Hopper“ darüber wunderte. Auch wenn ich dem Stereotyp des Kongresses nicht entspreche, so ging es mir vom Habitus nicht anders – man wird schließlich sozialisiert.

Gerade durch die Tür gekommen, lief ich meiner Studienkollegin Susanne Behrendt entgegen, die mittlerweile zur Direktorin einer Klinikkette aufgestiegen ist – Respekt. Unmittelbar danach stand der Verleger Thomas Hopfe hinter mir, der mir berichtete, dass das Lehrbuch des Lehrstuhls mit dem Titel „Medizinmanagement“ inzwischen auf dem Verlagsstand zu finden sei. Es war zwar lediglich der Prototyp als Loseblattsammlung, da das „Opus“ – wie es von Herrn Herr Hopfe liebevoll genannt wird – gerade in der Druckerei sei, aber ich freute mich das Werk endlich in den Händen zu halten. Es sind etwa zwei Jahre vergangen, in denen wir als Lehrstuhl-Team um Prof. Jürgen Wasem daran gearbeitet haben. Insbesondere unsere Akteursmatrix als Übersicht über die Akteure im deutschen Gesundheitswesen schien als beiliegendes Poster einen guten Eindruck bei den KongressteilnehmerInnen zu machen. Das machte mich natürlich stolz.

Unter den üblichen Verdächtigen suchte ich nach dem Community Manager Healthcare Frank Stratmann, den ich aufgrund meines Artikels zur Blogparade des ersten HealthcareCamps zumindest bereits online kennengelernt hatte. Ich fand ihn in der Runde der Kongress-Kreativköpfe an einem eigenen Stand. Mit dabei waren Thomas Fox, der österreichische Marketingexperte Marco Muhrer-Schwaiger und Silke Schippmann, ehemalige Xing-Mitarbeiterin und Mitorganisatorin des HealthcareCamps.

In der Runde fühlte ich mich gleich wohl. Das war eine kleine Denkfabrik voller Ideen fast schon wie eine Wissensinsel, die über manchmal zementiert wirkenden Strukturen des Gesundheitswesens schwebte. Ich fand einen digitalen Handshake-Partner bei XING und wir sprachen über Themen, die ich eher auf einer Digital-Messe erwarten würde: Die Daten liegen in der Cloud, es wurde von der „Kraft der informellen Kontakte“ philosophiert, mit Vorurteilen gegenüber die digitalen Welt aufgeräumt und über meinen Lieblingsautor Guenther Dueck gesprochen. An dem Tisch wurde viel diskutiert und das Ganze in einem neuen kreativen und innovativen Kontext.

Im Verlauf der Diskussion stießen auch andere KongressteilnehmerInnen dazu und versuchten den Nutzen des Digitalen für das Gesundheitswesen im Allgemeinen, für ihre Institutionen und schließlich sich selbst greifbar zu machen. Die Gespräche zeigten einmal mehr: Es gibt viele Vorurteile gegen das Digitale im Gesundheitssektor und es gibt noch mehr Potenziale, die noch im verborgenen Schlummern. In der Realität sind wir nämlich noch von einem Krankenhaus oder Patienten „2.0“ – wie es oft heißt – weit entfernt. Der Standbesetzung entging übrigens nichts aus den einzelnen Sessions, denn Martin Schleicher alias @gesundheitswirt twitterte fleißig aus den Sessions – so konnte man gemütlich in komprimierten 140-Zeichen-Tweets mitverfolgen und Kaffee auf dem Sofa schlürfen. Schöne neue Welt.

Zuletzt lernte ich noch den Kongresspräsidenten Prof. Heinz Lohmann kennen, der als Sponsor das HealthcareCamp gefördert und mich auf den Kongress eingeladen hatte. Wir diskutierten, ob die junge Generation, mit dabei das Young Lions Gesundheitsparlament, den Hauptstadtkongress 2014 mit innovativen Ideen und Konzepten, die bereits im Gesundheitswirtschaftskongress zu spüren waren, auffrischen könnte.

Das war meine persönliche Kongressplauderei, getippt im ICE von Hamburg nach Recklinghausen. Gegenüber von mir ein Pärchen, das ich definitiv zu den „Silversurfern“ zählen würde, die in einem Loriot-Bilderbuch blätterten und sich köstlich amüsierten. Schön das sich jeder für etwas anderes begeistern kann – egal ob digital oder analog.

Ich möchte – wie bereits begonnen – auch mit Eulenburg schließen: Es gibt grundsätzlich entweder „Kongress-Freuden“ und „Kongress-Leiden“ – bei dem Gesundheitswirtschaftskongress dominierten eindeutig die Freuden.

 

Re-Blog von meinem Beitrag auf der Seite www.zukunft-gesundheitswesen.de

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