Rezension zum Buch >Vorsicht, Arzt!< der WELT-Reporterin Dowideit

 

Anette Dowideit ist Reporterin des Investigativteams der „Welt“. Ihre Spezialthemen sind das Gesundheits- und Pflegesystem sowie Sozialpolitik und Wirtschaftskriminalität. Vor kurzem erschien ihr neues Buch mit dem Titel „Vorsicht, Arzt!“, das sich gleichzeitig wie eine Warnung an die Bevölkerung vor Ärzten als auch als eine Warnung an die Berufsgruppe selbst liest. Auf dem Cover erkennt man auf den zweiten Blick, dass der Arzt unter seinem Kittel Hemd und Krawatte trägt – wohl ein Zeichen für die Medizin und Ökonomie in Personalunion. Die Journalistin Anette Dowideit deckte bereits zuvor in „Endstation Altenheim“ Missstände in der Altenpflege auf. Mit dem neuen Buch knüpft sie sich nun die Ärzteschaft vor.

 

Nach dem Abitur besuchte die Autorin die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und schloss ein VWL-Studium an der Universität zu Köln ab. Sicherlich keine schlechte Grundlage, um sich mit den Zusammenhängen des komplexen Gesundheitssystems auseinanderzusetzen und zu wissen, wie Geldströme fließen (sollen). Auch ihr mehrjähriger Aufenthalt in New York hat sicherlich dazu beigetragen, das deutsche System von außen zu betrachten und Vergleiche ziehen zu können. Ihre Recherchen gelten als gründlich und machen auf viele Punkte mit einem tiefgründigen Detailwissen aufmerksam.

 

Die Autorin hat sich im Jahr 2016 auch verstärkt dem Thema GKV gewidmet – z.B. über Kassenwettbewerb, der „wohl kriminelle Blüten“ im Sinne des Upcodings treiben kann oder auch über „Klientelpolitik und intensive Lobbyarbeit“. In ihrer Journalistenkarriere wurde sie mehrfach ausgezeichnet – zuletzt mit dem Deutschen Sozialpreis 2016 für einen Beitrag zum Thema Kinderrechte. In einem Tweet zur Vorankündigung, der sie als meinungsfreudigen Gast bei „Hart aber Fair“ ankündigt, kommentiert sie lässig: „nicht nur meinungsfreudig, auch faktenkundig“.

 

Themen wie „Patient gegen Geldumschlag“, „Bestechliche Heiler“, „Verloren in der Arztpraxis“ oder „Eingeliefert – ausgeliefert“ bringen die Inhalte des Buches gut auf den Punkt. Denn die recherchierten Einzelfälle sind kaum zu glauben: operierende Ärzte mit zittrigen Händen, fragwürdige und unnötige Operationen und scheinbar machtlose staatliche Aufsichtsbehörden und Steuerfahndungen, die keine Zeit, Lust, Kompetenz oder nicht ausreichend Know-how haben, um den Patienten zu schützen, sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch. Im letzten Kapitel „Sich wehren statt resignieren“ gibt sie Patienten einen Tipp, was sie durch mehr Informationen oder Zweitmeinungen als Selbsthilfe tun können. Anette Dowideit ist nicht nur Reporterin. Sie ist auch eine Art Anwältin für die Schwachen im System – und das sind nun mal die Patienten, die sich aufgrund ihrer Erkrankung auch nicht differenziert mit dem auseinandersetzen können, was mit ihnen geschieht.

 

Dass man mit so einem Buch auch polarisiert und sich insbesondere bei der stolzen Ärzteschaft keine Freunde macht, liegt auf der Hand. Kritiker dürften hier sicherlich eine Aneinanderreihung von Einzelfällen, die nicht repräsentativ ist, gemessen an der Größe der Branche und der zahlreichen Erfolgstorys auf der anderen Seite der Skala, sehen. Die Welt-Reporterin spricht auch generell von einem Bruchteil von schwarzen Schafen in der Branche. Einen Patienten, der allerdings Pech gehabt hat und in einer der recherchierten Fälle eine der Hauptrollen spielt, dürfte statistische Repräsentativität allerdings herzlich wenig interessieren. Das Buch ist auch nicht als Kriegserklärung an die Ärzte zu sehen, schließlich widmet Anette Dowideit es den Patienten und den Ärzten, die es gut mit dem Wohl ihrer Schützlinge meinen.

 

Was Frau Dowideit nicht macht, ist sich hierbei auf so einem postfaktischen AfD-und-Trump-Niveau als Wutbürgerin zu bewegen. Und das ist auch gut so. In jeder Branche gibt es schwarze Schafe, und solche Bücher haben auch einen Aufklärungscharakter und sind somit ein wichtiges Kulturgut für die Gesellschaft. Und es ist nicht alles schlecht. Aus der Zeit in den USA kennt die Autorin auch das System in Übersee und dagegen stehe Deutschland schließlich noch gut da.

 

Das vorliegende Buch überzeugt aufgrund der Tiefe der Recherche und einem Inhaltsverzeichnis, das Interesse weckt, um Themen in kleinen Häppchen dennoch kurz und sachkundig abzuarbeiten. Wenn es also Leaks im deutschen Gesundheitswesen gibt, so nimmt Frau Dowideit die Spurensuche auf. Wenn ihnen die Investigativ-Spürnase von Welt auf den Fersen ist, dann haben sie etwas nicht ganz korrekt gemacht. Und Vorsicht: Vielleicht sei noch gesagt, dass Frau Dowideit mit dem Online-Chef des Handelsblatt verheiratet ist. Das macht die Ausgangslage für sie auch nicht besser.

 

 

Quelle: Matusiewicz D (2017): "Vorsicht, Arzt", Rezension, in: BKK Magazin, 01/2017, S. 56-57.