Rezension: Frank Thelen - Die Autobiografie: Startup-DNA

Frank Thelen ist Gründer, Co-Gründer, Investor und Visionär mit einer breiten Palette an „personality-driven“ Beteiligungen: von „der Bio-Suppe“ über „Künstliche Intelligenz“ bis hin zu „Flugtaxis“. Darüber hinaus beobachtet Frank auch andere wichtige Märkte, wie bspw. das Gesundheitswesen, was sicherlich auch mit dem beruflichen Kontext seiner Frau Nathalie zu tun, die als promovierte Kieferorthopädin tätig ist. Dass Frank Technologien und Prozesse aus dem Blickwinkel einer „schöpferischen Zerstörung“ kritisch hinterfragt, passt auch zu seiner Firmenadresse: Joseph-Schumpeter-Allee. In den sozialen Netzwerken gibt es jetzt bereits schon Diskussionen, warum Frank bereits mit Anfang 40 seine Autobiographie veröffentlicht. Hier kann Deutschland von den Amerikanern lernen, dass es nicht darum gehe, ein bestimmtes Alter zu erreichen und nach und nach mit steigendem Alter (automatisch) die Karriereleiter zu erklimmen, sondern es lediglich darauf ankommt, was man geschafft hat.

 

Die Anfänge des jungen Thelen

In seiner Autobiografie geht Frank zunächst auf seine Kindheit und Jugend ein. Frank beschreibt, wie sein Informatik-Lehrer nicht an ihn geglaubt hat und er schließlich vom Gymnasium geflogen ist. Auch ist er in der Zeit regelmäßig vom Skateboard geflogen. Nur die Frauen, die flogen nicht auf ihn. Und dann kam noch eine Unternehmensgründung, die mit Schulden in Millionenhöhe mündete. Heute wird sein Lehrer sicher stolz über seinen ehemaligen Schüler erzählen, denn Frank hat sogar ein eigenes Buch geschrieben. Und den 360-Grad-Kickflip hat er auch geschafft. Und zudem eine Frau gefunden, der er sogar ein eigenes Kapitel in seinem Buch widmet und dem Leser verdeutlicht: Er ist ein Geek und kein Nerd, denn ein Nerd ist ein Geek ohne Freundin. Während einige mit einem Start-up voll ausgelastet sind, betreut Frank als Co-Gründer und Investor über ein Dutzend und freut sich jeden Tag darauf, begeisterte Gründer, neue Technologien und Produkte zu erleben. Als er sich damals fragte, ob er bei der VOX-Unterhaltungsshow „Die Höhle der Löwen“ mitmachen solle, hätte er auch nicht gedacht, dass es die bislang erfolgreichste Produktion des Senders mit über 3 Millionen Zuschauern werden wird. Anfang September geht es übrigens mit der neuen 5. Staffel der VOX-Gründershow weiter und man kann nur hoffen, dass es auch eine darauffolgende Staffel mit Frank geben wird, denn er bewertet für sich jedes Mal aufs Neue, ob er mitmacht. Ein wesentlicher Faktor wird dabei sein, dass der Fahrdienst nicht eine längere Strecke wählt als sein Tesla und ihn somit nicht weiterhin um seine wertvolle Zeit bei den Drehtagen beraubt. Was in dem Buch auch nicht fehlt, sind Einblicke hinter die Kulissen und ein Mini-Exkurs zu seinem Höhlen-Mitstreiter Jochen Schweizer. In dem Buch werden neben den Anekdoten aber auch – wie sollte es anders auch sein – die Start-ups seiner Food-Family und die Tätigkeiten seiner Firma Freigeist Capital vorgestellt. Das Buch enthält zudem viele Zusatzinformationen zu einzelnen Gründern und den Verlauf der Zusammenarbeit. Zudem gibt es ein ganzes Kapitel zu seinem wohl anspruchsvollsten Projekt: ein 36-motoriges elektrisch angetriebenes Flugzeug der „Lilium Aviation“, welches uns in weniger als zehn Jahren als Flugtaxi von A nach B fliegen soll. Frank & Co. zetteln also nichts größeres als eine Revolution der Mobilität an.

 

Von Sonnen- und Schattenseiten

Das Buch liest sich wie ein komprimierter Erfahrungsschatz und das macht es wertvoll. Hierzu zählen beispielsweise Sätze wie: „Wer sich nicht ständig selbst disruptiert, wird von anderen disruptiert“ oder „Kopf schlägt Kapitel“. Frank geht aber auch auf die Schattenseiten seines Werdegangs ein. So hat es in seinem Leben das ein oder andere „Fest für die Hater“ gegeben und Scheitern gehöre seiner Meinung nach auch zum Erfolg. So gibt Frank zu, auch mal an seine persönlichen Grenzen gekommen zu sein. Da er die meiste Zeit im Büro verbringe, müsse er auch auf sein Gewicht achten, da er nicht mehr so viel Sport treiben kann. Und da ist ihm an einer „Low-Carb Pizza“ gelegen und sie solle wie eine normale Pizza schmecken. Diese Botschaft ist ihm so wichtig, dass er den Satz sogar zweimal hintereinander wiederholt. Aber auch andere schwierige Momente lassen den Autor Frank authentisch und sympathisch wirken: „Oftmals kam ich um Mitternacht nach Hause und hatte so viele komplexe Herausforderungen in meinem Kopf, dass ich nur noch stottern konnte.“

Mit am amüsantesten sind allerdings die Ausführungen zu den hunderten Mail-Anfragen pro Woche, die in seiner Firma aufschlagen. Das Kapitel sollte eine Pflichtlektüre für die interessierten Personen sein, die ein Anfrageformular zur Förderung ihrer Geschäftsidee online ausfüllen. Dann weiß der interessierte Gründer auch, dass ein klassisches Nagelstudio, eine Standard-Yogaschule oder ein stinknormaler Hundesalon nicht sein Business Case ist. Und wie in der Welt am Sonntag zu lesen war, brauchen die Gründer auch nicht zu versuchen, über Bande zu spielen und deine Frau Nathalie nach der medizinischen Beratung kurz mal eben die Grillidee vorzustellen. Ich kann Frank an der Stelle nur raten, die ganzen Mails als Lesestoff für die 2. Auflage des Buches zu sammeln.

 

Das 1x1 der Digitalwelt

In dem Buch gibt es ein paar Kapitel, in denen Frank richtig in den „Flow“ kommt und seine eigene Biographie etwas in den Hintergrund rückt. So führt Frank den Leser an den Begriff der Disruption heran, erklärt die Künstliche Intelligenz und wenn er schon dabei ist, dann erläutert Frank mit dem Anspruch „besser als die Lehrer“ zu sein, Technologien wie Blockchain, Bitcoins & Co. Es folgt ein Kapitel darüber, dass er mit seinem Projekt „Neufund“ die Börse neu erfinden wolle. Warum? Ganz einfach: weil diese aus der Zeit gefallen ist. Die Kapitel 14 bis 18 sind harter Stoff für den Durchschnittsleser. Das im Anschluss folgende Kapitel 19 zu „Skateboarding als Philosophie“ wirkt da fast wie eine wohl gelegene Denkpause und man erinnert sich daran, dass es sich bei dem Buch nicht um ein Fachbuch über die aktuellen und künftigen Technologien, sondern um ein Sachbuch als Autobiografie handelt. Das Skateboarding-Kapitel beinhaltet eine wichtige Botschaft: „hinfallen und wieder aufstehen“ – welche auch als Untertitel des Buches wiederzufinden ist.

 

Ideen für Deutschland 4.0

Ziemlich zum Ende des Buches kommt dann aber noch einmal ein Paukenschlag, indem Frank – ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen (diese Metapher passt auf ein Buch sehr gut) – seine Ideen für ein Deutschland 4.0 kundtut. So ruhe sich Deutschland von dem Guthaben der Vergangenheit aus und werde zum gescheiterten NOKIA unter den Staaten, da es fast alle großen neuen Technologien verpasst habe. Er beklagt sich insbesondere über den Steuerwahnsinn und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Digitalisierung in Deutschland. Frank plädiert dafür, neue Technologie primär als Chance zu begreifen. Damit das gelinge, müsse ein liberaler Umgang mit Daten vorherrschen. Zudem solle es Subventionen in Deep-Tech geben und ein lebenslanges Lernen müsse gefördert werden. Und es werden dringend junge, dynamische Politiker (wie bspw. Christian Lindner MdB, Jens Spahn MdB, Dorothee Bär MdB) benötigt, die nicht vom System glattgebügelt werden. Nur solche authentischen, kantigen Persönlichkeiten hätten eine Chance, wieder eine Mehrheit für sich zu gewinnen, so Frank. Beim Lesen dieses Kapitels hatte ich Frank vor Augen, wie er sich auf dem Stuhl hin und her wendet und mit steigendem Puls daran herumfeilt. Diesen Frank, den man auch bei der Höhle der Löwen zu sehen bekommt, wenn er kurz davor ist ein schlecht vorbereitetes Start-up auseinander zu nehmen und man es förmlich seinem Gesichtsausdruck ansieht. Das Buch soll schließlich dazu beitragen, dass der Frosch aus dem heißen Wasser springt, bevor es für ihn zu spät ist. Frank redet Klartext. Er nimmt sein Umfeld nicht einfach hin, sondern hinterfragt es kritisch. Das eckt sicherlich auch mal an, aber es wirkt in einer weichgespülten Welt auch erfrischend.

 

Frank Thelen – die Ausnahme?

Beim Lesen des Buches darf der Leser nicht dem sog. Overconfidence-Effekt verfallen. Die Autobiografie von Frank Thelen ist die Geschichte eines Ausnahmetalents, der seinen persönlichen Weg gefunden hat mit einer extremen Amplitude an Höhen und Tiefen und einer „Happy Interim Conclusion“ (Wortneuschöpfung, da Happy End ja nicht passt). Denn es darf auch nicht vergessen werden, dass es deutlich weniger erfolgreiche und gescheiterte Unternehmensgründungen gibt, die auch keinen – wie er es nennt – „unfairern Vorteil“ durch eine TV-Sendung mit Millionen Zuschauern haben. An der Stelle ein kurzer Verweis auf das Buch der Französin Mathilde Ramadier, die in einem Dutzend Berliner Start-ups gearbeitet hat und ihre Erfahrungen im Buch "Bienvenue dans le nouveau monde" (deutsch: Willkommen in der neuen Welt) eindrucksvoll aus der Perspektive eines endlosen scheinenden Praktikums schildert. Aber: wer es trotzdem nicht versucht, hat bereits verloren. Man kann Karrierewege, wie die von Frank nicht nachbauen, aber man kann davon inspiriert werden und daraus lernen. Und das ist ein Erfahrungsschatz, den man in Standardwerken wie die „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ von Wöhe in der mittlerweile fortgeschriebenen 24. Auflage nicht nachlesen kann. Junge Menschen suchen nach Vorbildern. Erfolgstories wie die legendäre Rede von Steve Jobs bei der Absolventenfeier der Stanford University im Jahr 2005 oder das Buch von Frank Thelen sind solche Geschichten. Eine abgebrochene Ausbildung oder ein nicht zu Ende geführtes Studium, das sind heute keine Sackgassen mehr. Menschen bewundern Musiker, weil es nichts Emotionaleres als gute Musik gibt. Menschen feiern Filmstars, weil uns Filme in eine fremde Welt nehmen und aus dem Alltag reißen. Und warum feiern Menschen Geeks wie Frank Thelen? Ganz einfach, weil hier wichtige Problemlösungen geboten werden. Franks Leidenschaft zur einfachen Bedienung von komplexer Software und der Verbissenheit Dinge einfacher zu machen, unterstützt viele bereits im Alltag. Ich war überrascht, dass ich bereits drei Apps (eine zum Scannen, eine To-Do-Liste und eine zur Bildbearbeitung) aus Frank‘s Denkschmiede nutze. Ein wichtiges Learning aus dem Buch ist, dass die beste Voraussetzung für das Gründen darin liegt, eine Lösung für ein persönliches Problem zu entwickeln. Viele junge Menschen besitzen heute keinen Drucker, kein Briefpapier und auch keine Briefmarken. So bleibt zu hoffen, dass Frank auch seinen bisher noch nicht erfüllten Traum von einer nahezu papierlosen Welt verwirklicht.

 

Stilistisch verfügt das Buch aber noch weitere interessante Details. Es gibt beispielsweise Text-Boxen mit Definitionen am Rand einiger Seiten, in denen die Begriffe aus dem Text näher erläutert bzw. definiert werden. Zu Beginn des Buches habe ich mich gefragt, ob der Leser wirklich wissen muss, was ein „rekurrentes Neuronales Netz“ oder „Wandeldarlehen“ ist. Der Definitions-Mix mit 72 Begriffen aus der Informatik und BWL hat sich allerdings im Laufe des Buches als hilfreich erwiesen und zum Ende hätte ich mir noch mehr dieser Boxen gewünscht, da sie die den Leser inhaltlich gut abholen und für eine optische Abwechslung sorgen. Am Ende des Buches sind die einzelnen Begriffe übrigens in einem Verzeichnis (#speakgeek) auch noch einmal alphabetisch sortiert zu finden. Weitere Highlights des Buches sind auch der doppelseitige „Spickzettel“, den Frank als Geheimwaffe während der TV-Sendungen mit sich trägt und der bebilderte „Baukasten der Zukunft“ mit Basis-Technologien, die fast jede Industrie verändern werden. Als ich das Buch fertiggelesen ins Regal stellen wollte, habe ich erst durch die Haptik des Covers festgestellt, dass eine Matrix mit hunderten hervorgehobenen Zahlen (in Verlagssprache: in Lack, Softtouch- und Metallicfolie) im Hintergrund abgebildet ist. Ob das irgendwas zu bedeuten hat? Ist das ein Blockchain-Password zu einem digitalen Tresor?

 

Schlussbetrachtung

Komme langsam zum Ende. Wer übrigens keine Zeit hat 21 Kapitel und 287 Seiten zu lesen, kann ganz am Ende des Buches noch einmal Höhen und Tiefen aus seiner Vita auf einer Seite zusammengefasst zur Motivation finden. Und findet dort auch einen Appell an den Leser: „Los geht‘s – finde Deine Startup-DNA“. Das Buch ist empfehlenswert für Studierende, Gründer, Professionals und alle, die sich nicht zu schade sind hinzufallen, aufzustehen und die Welt ein stückweit zu verbessern.

 

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